Neue Zurcher Zeitung

“Hester Scheurwater zeigt sexualisierte, gesichtslose Selbstporträts – ursprünglich auf Facebook präsentiert, dann vom Zürcher Fotokunstkenner Walter Keller im Bildband «Shooting Back» verlegt, beziehen sie ihren ambivalenten Reiz dadurch, dass hier eine Poseurin in besessener Manier auf beiden Seiten des Spiegels – aus der Perspektive der Fotografin und der des posierenden Modells agiert.”

Das Ausstellungsprovisorium «Photobastei»

Reality-Check im Bankenviertel Donnerstag, 23. Januar, 05:30

Brigitte Ulmer

Dass Künstler als Hausbesetzer wirken, hat zwar eine lange Tradition, aber hier liegt der Fall anders: Ein umtriebiger Immobilienmanager und ein leidenschaftlicher Fotografie-Förderer und Kurator hatten ihre Hände im Spiel, als für ein prominentes Bürogebäude am Schanzengraben eine Zwischennutzung gesucht wurde. Ohne einen der beiden – Steff Fischer von der Fischer AG und Romano Zerbini, der Initiator des EWZ-Fotopreises – gäbe es das für Zürich ungewöhnliche, auf acht Monate angelegte temporäre Projekt «Photobastei» nicht. Seit November wurden im 1955 erbauten Hochhaus «Haus zur Bastei», das im Besitz der Euro Real Estate Suisse S. à r. l. Luxembourg steht, 300 Leuchten gehängt, Elektrokabel gezogen und Holzkojen hineingebaut, so dass nun auf sieben Stockwerken Fotografie präsentiert werden kann.

Der Gang durch die mit Bildern des Magnum-Fotografen Paolo Pellegrin bespielten ersten zwei Stockwerke belegt, dass die Zwischennutzung bis zu Sanierung und Ausbau zum Luxusbürohaus dem Bankenviertel eine hohe Dosis Weltrealität verabreicht. Die ins Gesicht geschriebene Verzweiflung trauernder serbischer Frauen angesichts eines Toten in Obilic, Kosovo, wird durch die Bildkomposition – die ganze obere Hälfte ist Leerraum – fast körperlich spürbar. Das durch ein Busfenster gerahmte Gesicht eines Strassenkinds von Port-au-Prince wirkt aufgrund einer Lichtreflexion wie zerfetzt. Die Fotografie eines mit Verbrennungen verletzten Irakers im Spital von Bagdad erinnert an ein religiöses Leidensbild. Zu den ergreifendsten gehören jene Bildsequenzen, wo im gefühlten Chaos ein Blick eines Fotografierten das Auge der Kamera erfasst – und uns, die Betrachter in Zürichs Komfortzone, im Herzen berührt.

2002: Die Mutter eines Kindes, das während eines Einfalls der IDF (Israel Defense Forces) in Jenin, Palästina, getötet wurde. (Bild: Paolo Pellegrin / Magnum)

Grossansicht

Mit seiner preisgekrönten Serie «As I Was Dying», Bildern aus Kriegs- und Krisengebieten, will Pellegrin zeigen, dass «der Tod des anderen einen Verlust bedeutet, der jeden Menschen angeht». Schiefe Perspektiven, grobes Korn und Unschärfe verleihen den grossformatigen Schwarz-Weiss-Bildern eine Unmittelbarkeit, die Pressebildern aus Kriegs- und Konfliktzonen oftmals abgeht.

Werden die zwei unteren Geschosse von Romano Zerbini kuratiert, dem Initiator der Photobastei und Gründer des EWZ-Fotopreises, so können in den oberen Stockwerken Fotografen, Agenturen, Stiftungen und Hochschule für wenig Geld Ausstellungsfläche mieten – vorausgesetzt, sie können sich durch das Nadelöhr einer Jury winden.

Zu Recht gelungen ist dies der spätberufenen Fotografin Ursula Müller. Ihre Stillleben von Kleidern und Objekten, die einer verstorbenen 81-jährigen Frau gehörten, sind mit einer bemerkenswert feinfühligen Lichtführung und Komposition zu Memento mori gefroren, erzählen leise von dem, was nach einem Tod übrig bleibt, und laden aber auch ein zur Reflexion über das Leben selbst. Weiter zu sehen sind etwa Luca Zaniers Farbtableaus «Corridors of Power», welche mit nüchternem Blick Orte von Macht- und Organisationszentren wie Uno, Fifa und Bundeshaus erfassen – und durch ihre bühnenhafte Architektur dennoch fast wie Kulissen für surreale Filme wirken.

Hester Scheurwater zeigt sexualisierte, gesichtslose Selbstporträts – ursprünglich auf Facebook präsentiert, dann vom Zürcher Fotokunstkenner Walter Keller im Bildband «Shooting Back» verlegt, beziehen sie ihren ambivalenten Reiz dadurch, dass hier eine Poseurin in besessener Manier auf beiden Seiten des Spiegels – aus der Perspektive der Fotografin und der des posierenden Modells – agiert.

Mit Klischeevorstellungen von Exotik spielende Landschafts- und Porträtbilder aus Oman (Christian Bobst), berührend-unaufgeregte Familienporträts mit männlichen Miterziehern (Christine Bärlocher) und Science-Fiction-hafte Bilder von Weltraumeroberungen (Zeljko Gataric) erweitern die Photobastei zu einem schillernden zeitgenössischen Kaleidoskop. – Hinter der Bahnhofstrasse, zwischen den Bullen und den Bären an der Bärengasse, kann man derzeit nur von «win-win» sprechen.

Hester Scheurwater